Mittwoch, 27. Mai 2026

Die Marienkirche und das Wunder von Veit Stoß

Wenn man in Krakau ist, führt am Hauptmarktplatz kein Weg an ihr vorbei: der mächtigen Marienkirche. Drinnen erwartet einen ein wahrer Farbrausch aus Rot, Blau und Gold, aber das unumstrittene Herzstück ist der weltberühmte Hochaltar von Veit Stoß aus dem 15. Jahrhundert. Ein absolutes Meisterwerk der Spätgotik! Wenn man vor diesem riesigen, aus Lindenholz geschnitzten Altar steht, klappt einem erst mal die Kinnlade herunter. Die Figuren (2,70 m) sind so lebendig und detailreich gestaltet – man meint fast, sie würden jeden Moment zu atmen beginnen.
  
 
Das eigentliche Highlight ist aber kein Kunstwerk, sondern ein tägliches Ritual mit Gänsehaut-Garantie: Am späten Nachmittag wird der Altar feierlich geschlossen. Und wer macht das? Keine mächtige Maschine, sondern die kleinste Schwester des Ordens. Wenn diese zierliche Nonne mit Seelenruhe nach vorne schreitet und die riesigen, tonnenschweren Altarflügel ganz behutsam mit einem langen Stab zuklappt, verstummen die Besucher, sie lauschen einer ehrwürdigen Musik. Ein tief berührender, fast magischer Moment, der einen ganz klein und ehrfürchtig werden lässt. Ein perfekter, stiller Kontrast zum Trubel draußen auf dem Markt!
 
 


 

Von tierischen Irrtümern, Wiener Spuren und der perfekten Rübensuppe


Man lernt ja nie aus. Wenn man als Wiener „Dame mit demHermelin“ hört, denkt man im ersten Reflex natürlich an eine gut situierte Dame im edlen Hermelinpelzmantel, die vermutlich gerade auf dem Weg in die Staatsoper ist. Tja, denkste! Im großartigen Czartoryski-Museum wurde ich eines Besseren belehrt: Da hält die elegante Dame tatsächlich das lebendige Tier im Arm! Leonardo da Vinci hat das Tierchen übrigens nicht ohne Grund gemalt – das Hermelin galt damals als Symbol für Reinheit und Maßhaltung (auch wenn es ein bisserl wie ein hochbegabtes Wiesel ausschaut).
 


 
Besonders spannend für das rot-weiß-rote Herz: Die Adelsfamilie Czartoryski hat tiefe Spuren in der Heimat hinterlassen. Im 18. Wiener Gemeindebezirk gibt es ja heute noch die Czartoryskigasse – nur das dazugehörige Palais in Währing, das existiert leider nicht mehr. Da muss man erst nach Krakau reisen, um das Erbe quasi „in groß“ zu bewundern.
Ein absolutes persönliches Highlight im Museum war für mich eine ganz bestimmte Medaille von Ignaz Bendl aus dem Jahr 1684, die die Gründung der Heiligen Liga feiert. Als geschulter Wiener habe ich beim Vorbeigehen sofort ein vertrautes Gesicht erkannt: Kaiser Leopold I. – die markante Habsburgerlippe ist einfach ein verlässliches Markenzeichen! Direkt daneben blitzte mir ein venezianischer Dogenhut entgegen. Ein richtiges kleines Stück Heimatgeschichte mitten in Polen, das zeigt, wie eng unsere Schicksale damals im Kampf gegen die Osmanen verwoben waren. 
 
 
Nach so viel Hochkultur ging es weiter zu den Barbaken – dieser wehrhaften, runden Festungsanlage – und von dort direkt zur kulinarischen Pflichtlektüre: Eine echte polnische Rote-Rübensuppe (Barszcz), das Nationalgericht schlechthin. Herrlich!
 

Gut gestärkt folgten zwei kleinere, aber feine Museumsperlen: Zuerst das Museum der Stadt Krakau, wo alte Straßenbahnen und historische Glocken aufstießen, und gleich danach das Stanisław-Wyspiański-Museum. Ein Wahnsinn, was dieser Mann alles konnte – von Möbeldesign über Mode bis hin zu Architektur und Technik. Ein echtes Universalgenie. 
 


 

Zum Drüberstreuen gab es noch den klassischen Pflichttermin: Einmal gemütlich durch die geschäftigen Tuchhallen schlendern, quasi im Vorbeigehen in die winzige, uralte St. Adalbert Kirche hinunterfallen und danach im Stammcafé am Hauptmarkt bei der verdienten Melange (oder dem polnischen Äquivalent) die Leute beobachten.
 

 
Jetzt bin ich wieder in der Wohnung angekommen und es gilt das bewährte Krakau-Ritual: Couch belagern, Füße hochlagern und den Kopf die vielen Eindrücke sortieren lassen. Was für ein Tag!

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