Samstag, 23. Mai 2026

Vom Mittelalter-Untergrund zum Salsa-Schock

Nachdem der Geist wieder halbwegs willig war, ging es direkt unter die Erde: in den Krakauer Underground (Rynek Podziemny). Ein Wahnsinn! Wo 2005 eigentlich nur für sechs Monate ein bisserl saniert werden sollte, grub man fünf Jahre lang ein ganzes mittelalterliches Universum aus. Man spaziert herunten durch Straßen aus dem 11. Jahrhundert, während oben am Marktplatz die Fiakerpferde über die Köpfe trampeln.
 
 
 
  
 
"Robert, die Bilder bewegen sich wie bei Harry Potter."
"Flonie, wieviel hast du getrunken, während ich schlief." 
 "Nein, sieh doch." Nichts passiert. "Robert, ich bin doch nicht deppert."
 
    



Wieder aufgetaucht, brauchten wir erst mal Frischluft und Weitblick. Die Rettung war die Terrasse direkt an den Tuchhallen
 
 
 
 
 
Bei einem genialen Abendessen in der tiefstehenden Sonne, mit Blick auf die Marienkirche, ließen wir die rauchenden Köpfe abkühlen. Perfekt.
Und genau in diesem Zustand der absoluten Tiefenentspannung kam die Frage aller Fragen: „Du, willst noch Salsa tanzen gehen?“
Wie bitte?! Ich bin fast tot! Meine Beine haben heute schon die gesamte polnische Geschichte abgewandert und im Untergrund Vampir-Skelette besucht. Mein einziger Tanzschritt für heute führt mich schnurstracks ins Bett. Gute Nacht, Krakau – du schaffst mich!
 
 
 

Drei Stunden Geschichte und die Rettung durch Pierogi

Nach dem ersten Kaffee ging es direkt zum Treffpunkt mit Stadtführerin Monika bei der Marienkirche. Von dort aus startete der geschichtliche Marathon: über den imposanten Marktplatz (Hauptmarkt) mit den Tuchhallen, vorbei an der ehrwürdigen Universität und hinauf bis zum Wawel. Was Monika uns in drei Stunden an geballter Information über die große Geschichte Krakaus und Polens, das jahrhundertelange Zusammenleben von Katholiken und Juden, aber auch über die finsteren Zeiten des Nazi-Terrors sowie die Ära von Papst JohannesPaul II. und Lech Wałęsa serviert hat, passt eigentlich auf kein normales Geschichtsmenü.


Besonders die Wawel-Kathedrale, die bedeutendste Kirche Polens, hatte es in sich. Da wäre zum Beispiel das prachtvolle silberne Grab des Heiligen Stanislaus – jenes Bischofs, der vom König höchstpersönlich beim Altar geköpft wurde. Eine mutige oder eine verdammt dumme Tat des Monarchen? Das ist hier die Frage.
 
 

Spannend ist auch, wie man im Mittelalter damals auf den Thron kam: Die Könige wurden nämlich vom Adel gewählt. Da wurden quasi internationale Bewerbungsmappen aus ganz Europa durchgeschaut, um den passenden Regenten zu finden mit hauptsächlich Repräsentationszwecken.
 
 
 
 
 
 
 
So landete auch Jan III. Sobieski auf dem Thron, der „Ritter von Wien“, den wir Österreicher ja bestens von der Entsatzschlacht am Kahlenberg kennen. Er förderte die Wissenschaft, ganz im Gegensatz zu einem seiner Vorgänger, König Wladyslaw II., der mit Bildung anfangs so gar nichts am Hut hatte und die Universität schlichtweg nicht finanzieren wollte. Gott sei Dank hatte er eine g‘scheitere Frau: Seine Gemahlin, die legendäre KöniginHedwig, hatte nicht nur ein riesiges Herz für die Armen, sondern vermachte nach ihrem Tod ihren gesamten royalen Schmuck der Universität, um sie vor dem Ruin zu retten. Sie wurde dafür völlig zurecht heiliggesprochen – und der Herr Gemahl durfte im Jahr 1400 brav die Lorbeeren für die Neueröffnung einheimsen. Ohne die Frauen geht halt auch in der Weltgeschichte nix.
Ein echtes Prachtstück der Spätgotik (natürlich aus der Werkstatt des genialen Veit Stoß) ist das Grab von König Kasimir IV. Jagiello. Verziert mit Löwe und Biber – Symbole für Stärke und Fleiß beim Bauen. Der absolute Clou ist aber sein Gürtel: Darauf sind die verschiedenen Burgen abgebildet, die er entlang der Grenze hochziehen ließ. Praktisch, wenn man seine Statussymbole immer direkt am Mann trägt.
 
 
Frederic Chopin muss erwähnt sein 

Nach dreimal Umdrehen im historischen Universum waren wir – metaphorisch gesprochen – dezent mit dem königlichen Krönungsschwert erschlagen. Mit rauchenden Köpfen und schwer beladen mit historischem Wissen retteten wir uns zum Mittagessen. Das Thermometer meinte es heute nämlich besonders gut mit uns. Durst! Wasser!
 

 
Die Rettung? Eine ordentliche Portion Pierogi (die legendären gefüllten Teigtaschen) und viel Wasser mit Zitrone. Und jetzt? Der Geist ist willig, aber die Beine streiken endgültig. Das Nachmittagsschläfchen ruft ganz laut meinen Namen. Krakau, du bist großartig, aber jetzt wird erst mal von dir geträumt!
 
 
 
 

Der Wawel-Marathon für Enthusiasten (inklusive Nachhilfe für Wien)

Nachdem ich gestern um Punkt 22:00 Uhr hochoffiziell ins Schlaf-Koma gefallen bin, war das Aufstehen heute ein Klacks. Ein bisserl Haferfloc...