Ich konnte viele der historischen Texte, all die originalen Formulare, Anschläge, Beschlüsse und Erlasse genau lesen. Und ich habe mich nicht geschämt. Das war einmal. Ich bin für diese Taten nicht verantwortlich, auch wenn ich zutiefst bedauere, was damals passiert ist. Es tat gut zu wissen, dass sich Österreich durch Bundeskanzler Franz Vranitzky – bei dessen historischer Rede 1991 übrigens auch der große Hugo Portisch maßgeblich mitgewirkt hat – längst offiziell entschuldigt und zugegeben hat, dass wir eben nicht nur Opfer waren. Diese Klarheit im Heute erlaubt ein ehrliches Hinsehen ohne falsche Scham.
Die Zeit nach der Befreiung wurde leider nicht viel besser.
Anschließend sind wir durch das ehemalige Ghetto-Viertel Podgórze
gewandert. Wer hier eine rein bedrückende Stimmung erwartet, wird überrascht:
Das Viertel präsentiert sich heute unglaublich hipp, geschäftig und voller
Leben, gespickt mit unzähligen gemütlichen Lokalen. Trotz Sonnenschein, sehr
warmen Temperaturen und blauem Himmel spüre ich an jeder Ecke die jüdische
Geschichte, die hier ganz natürlich weiterlebt. Ein faszinierender Ort, an dem
Vergangenheit und moderne Lebensfreude perfekt ineinandergreifen.
Zahlen und Fakten: Es gab 1939 ca 64.000 Juden in Krakau (etwa 25 % der Stadtbevölkerung) heute zählt die offizielle jüdische Religionsgemeinschaft 200 Juden in Krakau.