Dienstag, 26. Mai 2026

Der Wawel-Marathon für Enthusiasten (inklusive Nachhilfe für Wien)

Nachdem ich gestern um Punkt 22:00 Uhr hochoffiziell ins Schlaf-Koma gefallen bin, war das Aufstehen heute ein Klacks. Ein bisserl Haferflocken, ein bisserl Joghurt zur Stärkung – und los ging das Mammutprogramm. Wenn schon Wawel, dann gescheit: Ich hatte das Ticket für „Enthusiasten“. Das bedeutet übersetzt: Einmal alles, bitte! Und zwar pünktlich im ersten Time-Slot um 09:00 Uhr, bevor die großen Touristenströme die Burg stürmen. Das Wetter ist super, 24° und viel Sonne.
 
 
 
    
Der Wawel ist ja nicht einfach nur eine Burg, sondern das historische Herz Polens. Hier residierten jahrhundertelang die Könige, hier schlägt die Seele des Landes. Mein Weg führte mich durch den Wawel-Underground, vorbei an den Schätzen der königlichen Schatzkammer, durch die prunkvollen Repräsentationsräume, hinauf auf die Terrasse und durch die Renaissance-Gärten.
 
Ziegelsteine für die Restaurierung 1921 - der Spender wird am Ziegel genannt.
 
 
 




Mein absolutes Highlight war aber weder Gold noch Silber, sondern ein technologisches Wunderwerk: der Audio-Guide. Burschen und Mädel in Wien, passt jetzt ganz genau auf, hier dürft ihr wirklich was lernen! Das Ding ist der „besteste“ Guide aller Zeiten. Man betritt einen Raum, der Guide weiß per Standorterkennung sofort, wo man ist, und plappert los. Man geht weiter, er schaltet automatisch um. Keine Ziffern mühsam in ein Tastenfeld klopfen, kein Suchen auf einem Bildschirm – alles läuft vollautomatisch, inklusive exakter Zeitangabe für jeden Abschnitt. Ein absoluter Traum von Organisation.


 
 

Nach diesem geschichtsträchtigen Kultur-Marathon war der Akku erst mal leer auch vom Phone. Mittags gab es die verdiente Stärkung in der Wawel Trattoria, gefolgt von einem echten Geniestreich: ein ausgiebiges Schläfchen im Liegestuhl im Schatten einer riesigen Platane, direkt auf dem Burggelände. So lässt es sich als imperialer Tourist leben.
Um 17:00 Uhr bin ich dann vollkommen erledigt, aber glücklich, in der Wohnung angekommen. Jetzt heißt es nur noch: Füße hoch und den royalen Muskelkater pflegen! Robert Beine können die viele Bewegung kaum fassen.


Montag, 25. Mai 2026

Ein heißer Tag an einem kalten Ort: Mein Weg nach Auschwitz

Heute war ein drückend heißer Sommertag – eigentlich das perfekte Ausflugswetter. Doch die Busfahrt führte ins Ungewisse, an den dunkelsten Ort der Menschheitsgeschichte. Auschwitz. Heute fungiert das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager als eine Art Freiluftmuseum, ein Mahnmal gegen das Vergessen.
 
 
 
 
 
Unser Führer Oskar begleitete uns durch das Stammlager Auschwitz I. Mit eindringlichen Worten schilderte er uns die perfide Vorgehensweise der SS: warum genau dieser Ort logistisch als Eisenbahnknotenpunkt gewählt wurde, wie die Häftlinge akribisch mit Nummern und Winkeln kategorisiert wurden und wie man sie durch gezielten Nahrungsentzug systematisch brach.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Besonders eine Erkenntnis brannte sich ein: Wie die SS versuchte, „Humanität“ nach Auschwitz zu bringen – allerdings nur für sich selbst. Weil das Erschießen von Frauen, Kindern und Männern psychisch selbst für die Täter „nicht so leicht und auf Dauer schwer aushaltbar“ war, suchte man nach einer industriellen Methode. Die Antwort der SS waren die Gaskammern und Krematorien. Reine Effizienz für die Mörder. Für die Insassen gab es keine Humanität. 
 
 
 
Oskar führte uns vor Augen, was das konkret im Alltag bedeutete: 700 Menschen waren in einer einzigen Baracke zusammengepfercht. Für alle gab es gerade einmal 20 Toiletten und einen Waschraum. Der morgendliche Ablauf? Aufstehen, Waschen, Klogang, Frühstücken und pünktlich zum Appell antreten – alles innerhalb von nur 30 Minuten. Jede Faser meines Verstandes rebellierte bei diesen Zahlen: Das kann sich mathematisch und menschlich einfach nicht ausgehen. Es war der kalkulierte Terror im Detail.
 
 
 
 
 
Danach fuhren wir weiter nach Auschwitz-II (Birkenau). Hier verliert sich das Auge in der schieren, gigantischen Größe des Areals. Es ist die eigentliche Fabrik des Todes. Hier standen die großen Gaskammern, in denen die SS das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B (Blausäuregranulat) zweckentfremdete, um Menschen im Minutentakt zu ermorden.

 
 Hier, an den Gleisen, treffen einen die nackten, historischen Fakten wie ein Schlag:
  • Insgesamt wurden in Auschwitz-Birkenau über 1,1 Millionen Menschen systematisch ermordet – die weitaus größte Mehrheit von ihnen (rund eine Million) waren Jüdinnen und Juden.

  • Der traurige, logistische Höhepunkt dieser Vernichtungsmachinerie fand 1944 statt, mitten im sterbenden Weltkrieg, als allein innerhalb weniger Monate über 400.000 ungarische Juden deportiert und größtenteils sofort vergast wurden.

     

      

Die Hitze des heutigen Tages drückt schwer auf die Urlaubsstimmung, aber sie ist nichts gegen die bleierne Schwere, die dieser Ort hinterlässt. Oskar hat drei Stunden non-stopp, es ist unmöglich mehr einzelner Schicksalsschläge zu erzählen. Man verlässt Auschwitz zutiefst verändert. Mit dem Wissen, wozu Menschen fähig sind, wenn man sie lässt.
 
 

Sonntag, 24. Mai 2026

Von Schindlers Fabrik ins pulsierende Ghetto von heute

eute stand ein tiefgründiges Kontrastprogramm am Plan. Zuerst ging es in Oskar Schindlers Fabrik. Die Ausstellung dort ist einfach nur beeindruckend – extrem gut kuratiert, modern und mit enormem Aufwand gestaltet. Man wird regelrecht in die Geschichte hineingezogen, gepaart mit all den Gräueltaten, der Hoffnungslosigkeit und der Angst von damals.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Ich konnte viele der historischen Texte, all die originalen Formulare, Anschläge, Beschlüsse und Erlasse genau lesen. Und ich habe mich nicht geschämt. Das war einmal. Ich bin für diese Taten nicht verantwortlich, auch wenn ich zutiefst bedauere, was damals passiert ist. Es tat gut zu wissen, dass sich Österreich durch Bundeskanzler Franz Vranitzky – bei dessen historischer Rede 1991 übrigens auch der große Hugo Portisch maßgeblich mitgewirkt hat – längst offiziell entschuldigt und zugegeben hat, dass wir eben nicht nur Opfer waren. Diese Klarheit im Heute erlaubt ein ehrliches Hinsehen ohne falsche Scham.

 
 
 
 
 
 
 
 
Die Zeit nach der Befreiung wurde leider nicht viel besser.
 
 
 
Anschließend sind wir durch das ehemalige Ghetto-Viertel Podgórze gewandert. Wer hier eine rein bedrückende Stimmung erwartet, wird überrascht: Das Viertel präsentiert sich heute unglaublich hipp, geschäftig und voller Leben, gespickt mit unzähligen gemütlichen Lokalen. Trotz Sonnenschein, sehr warmen Temperaturen und blauem Himmel spüre ich an jeder Ecke die jüdische Geschichte, die hier ganz natürlich weiterlebt. Ein faszinierender Ort, an dem Vergangenheit und moderne Lebensfreude perfekt ineinandergreifen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Zahlen und Fakten: Es gab 1939 ca 64.000 Juden in Krakau (etwa 25 % der Stadtbevölkerung) heute zählt die offizielle jüdische Religionsgemeinschaft 200 Juden in Krakau.

Samstag, 23. Mai 2026

Vom Mittelalter-Untergrund zum Salsa-Schock

Nachdem der Geist wieder halbwegs willig war, ging es direkt unter die Erde: in den Krakauer Underground (Rynek Podziemny). Ein Wahnsinn! Wo 2005 eigentlich nur für sechs Monate ein bisserl saniert werden sollte, grub man fünf Jahre lang ein ganzes mittelalterliches Universum aus. Man spaziert herunten durch Straßen aus dem 11. Jahrhundert, während oben am Marktplatz die Fiakerpferde über die Köpfe trampeln.
 
 
 
  
 
"Robert, die Bilder bewegen sich wie bei Harry Potter."
"Flonie, wieviel hast du getrunken, während ich schlief." 
 "Nein, sieh doch." Nichts passiert. "Robert, ich bin doch nicht deppert."
 
    



Wieder aufgetaucht, brauchten wir erst mal Frischluft und Weitblick. Die Rettung war die Terrasse direkt an den Tuchhallen
 
 
 
 
 
Bei einem genialen Abendessen in der tiefstehenden Sonne, mit Blick auf die Marienkirche, ließen wir die rauchenden Köpfe abkühlen. Perfekt.
Und genau in diesem Zustand der absoluten Tiefenentspannung kam die Frage aller Fragen: „Du, willst noch Salsa tanzen gehen?“
Wie bitte?! Ich bin fast tot! Meine Beine haben heute schon die gesamte polnische Geschichte abgewandert und im Untergrund Vampir-Skelette besucht. Mein einziger Tanzschritt für heute führt mich schnurstracks ins Bett. Gute Nacht, Krakau – du schaffst mich!
 
 
 

Der Wawel-Marathon für Enthusiasten (inklusive Nachhilfe für Wien)

Nachdem ich gestern um Punkt 22:00 Uhr hochoffiziell ins Schlaf-Koma gefallen bin, war das Aufstehen heute ein Klacks. Ein bisserl Haferfloc...